Gruppe von Personen am Frühstückstisch © Kleusch

Aalen: Bunt wie das Leben

Die elfköpfige Wohngxmeinschaft aus drei Generationen teilt sich ein denkmalgeschütztes großes Haus, zentral in Aalen gelegen. Zu Besuch beim Familienwohnen für ­Menschen mit Behinderung der Samariterstiftung.

Gemaltes Bild

Am großen Tisch gibt es immer noch ein Plätzchen. Hier ist eine bunte Truppe zusammengerückt: Julia und Uwe G. mit dreien ihrer vier Kinder und ihre fünf Mitbewohner mit Behinderung. Zwei Fachkräfte der Samariterstiftung sind zu Besuch. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kuchen. Die geräumige Wohnküche ist das warme Herz der Drei-Generationen-WG. Die Stimmung ist gelöst familiär. Feierabend.

Seit 2015 wohnen sie hier zusammen. Das großzügige alte Bürgerhaus im Besitz der Samariterstiftung Aalen hatte zuvor die Förder- und Betreu­ungsgruppe (FuB) beherbergt. Nachdem die FuB nach nebenan in einen Neubau gezogen war, stand das Haus leer. Da passte es prima,­ dass die Wohngemeinschaft – offizielle Bezeichnung „betreutes Familien­wohnen für Menschen mit Behinderung der Samariterstiftung“ – eine neue Bleibe suchte.

Bisher lebte die Familie auf einem alten Bauernhof mit diversen Tieren im idyllischen, aber abgelegenen Böhmenkirchen. Zwei Mitbewohner mit Behinderung zählten dazu – Herbert N. und Hans-Jürgen S.. Das Thema Leben in der Familie begleitet Julia und Uwe G. schon seit ihrem Sozialpädagogikstudium. „Im Praktikum sagten mir einige Leute, dass sie lieber anders wohnen würden als in einer Einrichtung“, sagt Uwe. So kam das Ehepaar samt seiner wachsenden Kinderschar zur Familienpflege für Menschen mit Behinderungen.

" Mehrheitsfähiges Lieblingsgericht:
Spaghetti Bolognese. "

Nun wollte die WG das Land- gegen das Stadtleben tauschen. „Früher brauchten wir mit dem Auto eine halbe bis dreiviertel Stunde nach ­Aalen“, erzählt Julia. Die Busverbindung war noch schlechter. Jetzt ist die FuB nebenan, die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) ­gegenüber, Einkaufsmöglichkeiten und Ärzte zu Fuß zehn Minuten zu erreichen. Und das große Haus bot Platz für drei neue Mitbewohner.

Die ersten beiden waren schnell gefunden: Eva B. und Dieter H.. Man kannte sich schon lange: „Dieter und Eva sind schon immer an Weihnachten zu uns gekommen“, erklärt Julia. Als letzter im Bunde zog Alois T. mit ein. Er möchte in absehbarer Zeit in Rente gehen. In seiner vorherigen Wohngruppe mit 13 Leuten wurde es ihm zu unruhig. Nun hat er sein eigenes beschauliches Reich im ersten Stock. Er stammt aus dem Aalener Stadtteil Hofen und hat hier Familie. Auch für einige seiner ­Mitbewohner war es die Rückkehr in die alte Heimat.

Das Haus hat einen barrierefreien Zugang. Im Erdgeschoss wurde ein Pflegebad mit Dusche eingebaut. Die Bewohner werden schließlich nicht jünger. Einer ist bereits Rentner. Eva dagegen liebt das Bad mit Wanne im Stockwerk darüber, wo auch ihr Zimmer liegt. Für die beiden ältesten Kinder der Familie entstand dort ein abgetrenntes eigenes Reich. Die Eltern und die beiden jüngeren Kinder haben das oberste Stockwerk für sich.

Bilder an der Wand © Kleusch

Die Wohngemeinschaft ist komplett selbstständig. Am Wochenende wird der Speiseplan beraten und gemeinsam gekocht. Mehrheits­fähiges Lieblingsgericht: Spaghetti Bolognese. Waschen und putzen muss jeder selbst, wenn nötig gibt es Unterstützung. Das Viertel hat einige Freizeitangebote: „Es gibt eine ganz tolle inklusive Theatergruppe“, begeistert sich Julia, die ihre Mitbewohner gern mal etwas auf Trab bringen würde. Die aber probieren es nach Feierabend lieber mit Gemütlichkeit daheim. In den Ferien stehen dann gemeinsam Ausflüge auf dem Programm.

Auch Pflegeeltern sind nicht rund um die Uhr auf Trab. Uwe hat eine Anstellung mit 80-Prozent Stellenanteil bei der Samariterstiftung, Julia 30-Prozent. Für Vertretung gibt es ein Gästezimmer. Durch den Umzug wurden auch die Absprachen und der Austausch mit den Kollegen deutlich einfacher. „Das Team im Hintergrund ist wichtig“, sagt Uwe.

" feste Bezugspersonen "

„Das besondere bei der Familienpflege ist, das es bei uns feste Bezugspersonen gibt“, beschreibt Julia und Uwe ergänzt: „Da kann man dran bleiben.“ Zum Beispiel bei Eva. „Wenn was schief läuft, rede ich mit Uwe“, sagt sie knapp und lacht. Schließlich läuft längst nicht mehr so viel schief wie früher.

Heute sind die Bereichsleiterin Wohnen Gisela Fischer-Graf und Teamleiterin Ulla Hoops-Koch vorbei gekommen. Der Umgangston am Tisch ist freundlich, interessiert, zugewandt. Die Familienpflege ist einzigartig bei der Samariterstiftung. „Wir sind sehr froh über die gute Zusammenarbeit mit der Heimaufsicht“, sagt Gisela Fischer-Graf. „Sie war bei dem Projekt sehr entgegenkommend. Manche Vorgaben passen einfach nicht zum inklusiven Wohnen.“

Mittlerweile ist der Kuchen verputzt, der Kaffee ausgetrunken. Die WG aus drei Generationen räumt zusammen. „Fünf Generationen“, sagt ­Alois. Stimmt. Wenn seine Enkelinnen zu Besuch sind und die Mutter von Uwe. Und zusammen sind sie bunt wie das Leben.

mok